Wie Startups mit schnellem Wachstum umgehen

Mit Magenknurren zum Erfolg

Angefangen hat ihr Milliardenerfolg mit knurrenden Mägen: Am Abend eines langen Arbeitstags saßen die Entwickler Matt Maloney und Michael Evens hungrig am Schreibtisch ihres damaligen Arbeitgebers, dem Betreiber einer Immobilienwebsite. In Zeiten vor Foodora & Co. war das mit dem Essen bestellen aus heutiger Sicht vergleichsweise umständlich: Einen Onlinebestellservice, der die Restaurants im Umfeld listet und das Essen bequem liefert, gab es nicht. Frustriert über die geringe Auswahl an Lieferservices und das zeitraubende Bestellprozedere – per Anruf und mit Kreditkarte – kam den beiden aus ihrer „Hungersnot“ heraus eine Idee. Wieso nicht die Geolokalisierung, die sie gerade für ihren Arbeitgeber durchführten, auch für die Ortung von Restaurants im Umkreis anwenden und einen Onlinebestellservice aufbauen, bei dem man ganz einfach bar, per Kreditkarte oder PayPal zahlen kann? Gesagt, getan: Die Idee des Online-Lieferservice Grubhub war geboren. Nachdem der Code geschrieben war und die beiden Gründer die Restaurants in der Chicagoer Nachbarschaft mit einer 10 % Provision zur Kooperation bewegen konnten, wuchs das Start-up schnell. 2016 führte Grubhub mit einem durchschnittlichen Umsatzwachstum von 66 % in den vergangenen drei Jahren die FORBES Fast Tech Liste der 25 am schnellsten wachsenden Tech-Unternehmen an. Heute hat das Unternehmen mehr als 44.000 Restaurantpartner in über 1.000 Städten in den USA, Japan und UK.

Von einem 2-Mann Start-up zu einem milliardenschweren Unternehmen – ein Extrembeispiel für eine erfolgreiche Gründeridee, die sich durchgesetzt hat. Auf dem mal steilen, mal steinigen oder rutschigen Weg zum Erfolg, brauchen Gründer vor allem eines: Durchhaltevermögen. Wenn sich das rasante Wachstum nicht einstellen will, ist Geduld gefragt. Schnelles Wachsen ist für Startup-Unternehmen mit organisatorischen und unternehmerischen Herausforderungen verbunden. Allerdings kann vor allem zu Beginn starkes Wachstum wichtig sein, z. B. um die Produktentwicklung voranzutreiben und neue Märkte zu erschließen, eine solide Bewertungsgrundlage für Investoren zu schaffen und seinen Bekanntheitsgrad – auch mit Blick auf weitere Finanzierungsmöglichkeiten – zu steigern. Ein Patentrezept ist schnelles Wachstum jedoch nicht. Hinzu kommt eine Dienstleistung oder ein Produkt mit Must-Have-Charakter, das wie im Fall Grubhub besonders praktisch ist, eine Nische bedient oder die Lösung eines Problems ermöglicht. Gute Ideen werden oft aus (Not)Situationen geboren, die einen Mangel aufzeigen.

Phasen eines Start-ups

Prinzipiell lassen sich im Lebenszyklus von Unternehmen verschiedene idealtypische Phasen ausmachen, die mit unterschiedlichen Risiken und Chancen verbunden sind. Der Übergang zwischen den Phasen ist meist fließend und sie unterscheiden sich je nach Unternehmen in Ausprägung und Dauer:

Early Stages:
Seed-Phase: Der Keim des Start-ups ist die Geschäftsidee. Bevor diese Hals über Kopf in die Tat umgesetzt wird, ist sie zunächst auf ihre Vermarktbarkeit und Umsetzbarkeit zu prüfen. Die Lean Start-up-Methode, erstmals begrifflich geprägt von Entrepreneur Eric Ries, setzt darauf, die Geschäftsidee mit möglichst wenig Kapital und möglichst schnell am Markt zu testen. Eine Beta-Version oder ein Prototyp mit den Kernfunktionalitäten des Produkts/der Dienstleistung wird dabei als „Minimal Viable Product“ der Kritik und den Verbesserungsvorschlägen der Kunden ausgesetzt. Anhand des Kundenfeedbacks kann das Produkt dann an die Kundenwünsche und -bedürfnisse angepasst werden. Die Vorteile dieser Methode: schnelle Anpassungen und eine hohe Annäherung an Kundenwünsche sind möglich. Das Risiko einer überstürzten Markteinführung eines marktunfähigen Produkts wird minimiert und jede Feedbackrunde kann dazu beitragen, das Produkt weiter zu verbessern, Updates oder neue Versionen herauszubringen. Neben den Tests und Marktanalysen wird in der Seed-Phase der Business-Plan erstellt.

Startup-Phase: Das Start-up wird gegründet, sobald das Produkt/die Dienstleistung fertig oder weitgehend fortgeschritten ist. Jetzt geht es darum, das Produktions- und Vertriebsnetz aufzubauen – ggf. in Kooperation mit Partnern – und Kunden zu akquirieren. Meist tritt hier ein erhöhter Investitionsbedarf, so dass Fördermöglichkeiten und Investoren gewonnen werden müssen.

Expansion Stages:
Wachstumsphase: Das Unternehmen erzielt Gewinne und verfügt über einen gewissen Bekanntheitsgrad. Jetzt geht es vor allem darum, die Marktposition zu stärken, neue Kunden zu gewinnen, bei Bedarf neue Mitarbeiter anzuwerben und Ressourcen in das weitere Wachstum zu investieren.

Überbrückungsphase: Die Wettbewerbssituation am Markt verschärft sich, so dass das Unternehmen seine Wettbewerbssituation z. B. durch weitere Expansion im In- und Ausland oder Produktdiversifikation behauptet.

Later Stages:
Reifephase/Endphase: Das Unternehmen orientiert sich an Zukunftsmärkten, nimmt ggf. Umstrukturierungen, Zusammenschlüsse oder Zukäufe vor und erweitert seine Produktpalette. Das vergleichsweise steile Wachstum in den vorangegangenen Phasen stabilisiert sich und entwickelt sich im Idealfall kontinuierlich und nachhaltig.

Keine Angst vor Wachstum

Phasen des rasanten Wachstums stellen Start-ups vor die Herausforderung, sich schnell an verändernde Bedingungen anzupassen und die dafür notwendigen Ressourcen bereitzuhalten. Ein zu schnelles Wachstum erschwert den Überblick über wichtige Prozesse oder Organisationsstrukturen. Das kann dazu führen, dass Zuständigkeiten noch nicht geklärt sind oder der interne Informationsfluss ins Stocken gerät. Verfügt das Unternehmen nicht über die notwendigen Kompetenzen oder Mitarbeiterkapazitäten, um hohe Auftragslagen rechtzeitig erfüllen zu können, wirkt sich das ggf. ungünstig auf die Kundenbindung aus. Für ein gesundes Wachstum wichtig sind deshalb u. a.:

Mitarbeiterakquise: Eine vorausschauende Personalplanung soll sicherstellen, dass der Mitarbeiterbedarf auch bei Auftragsspitzen gedeckt ist. Das Problem: Start-ups verfügen oft über einen geringeren Bekanntheitsgrad und weniger finanzielle Ressourcen als am Markt etablierte Unternehmen. Die vielen Veränderungen und Auftragsschwankungen lassen sich vor allem in Phasen rasanten Wachstums nicht immer vorhersehen. Werden schnell neue Mitarbeiter gebraucht, ist es von Vorteil, wenn die Gründer von Beginn an gut vernetzt sind (Networking). Kontakte lassen sich beispielsweise über Firmen, Szene-Events und Fachveranstaltungen knüpfen. Über solche Kontakte sowie eine attraktive Online-Präsenz in den sozialen Medien (Facebook, LinkdedIn, XING…), auf Arbeitgeberbewertungsplattformen etc. kann der Bekanntheitsgrad erhöht werden. In dringenden Fällen können Start-up-Unternehmen auch überlegen, temporär Zeitarbeitnehmer einzustellen, um Auftragsspitzen abzufangen. Das ersetzt natürlich nicht das Recruiting, sofern weitere Stammmitarbeiter gesucht werden. Mit zunehmend komplexen Organisationsstrukturen kann es außerdem sinnvoll sein, langfristig über die Akquise von Führungskräften nachzudenken.

Klare Firmenstrukturen und Zuständigkeiten: Übernehmen Gründer und Mitarbeiter eines Start-ups in der Anfangsphase häufig noch vielfältige Aufgaben, wird mit dem Unternehmenswachstum eine Differenzierung von Zuständigkeiten und Teams notwendig. Transparente Strukturen und feste Ansprechpartner erleichtern die interne Kommunikation und den reibungslosen Ablauf von Prozessen. Um Kapazitätsanforderungen und komplexeren Prozessen gerecht zu werden, eignen sich ggf. auch Partnerschaften, Vertriebs- und Produktkooperationen.

Interne Kommunikation: Sind die Zuständigkeiten geklärt und Ansprechpartner festgelegt, ist es sinnvoll, interne Kommunikationskanäle aufzubauen. Die Kommunikation per Flurfunk funktioniert bei einer wachsenden Belegschaft häufig nicht mehr. Interne Kommunikationsmedien sind z. B. das Unternehmenswiki, Intranet, Newsletter und regelmäßige Meetings oder Jour-Fixe.

Change Management und Feedbackkultur: Veränderungen können für Unternehmensmitglieder mit Widerständen oder Herausforderungen verbunden sein, die ein gezieltes Change Management zu reduzieren versucht. Ein offener Umgang mit Feedback und regelmäßige Feedbackmöglichkeiten erleichtern es Mitarbeitern, konstruktive Kritik an Veränderungen zu üben und eigene Anregungen einzubringen.

Expansion: Sind die richtigen Voraussetzungen gegeben, stellen sich viele Start-ups z. B. die Frage nach der Erschließung neuer Märkte, der Eröffnung weiterer Filialen an anderen Standorten, einer möglichen Internationalisierung sowie der Einführung neuer Produkte und Produktdiversifikationen.

Fazit

Start-ups haben vor allem in der Anfangsphase mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen. Zur Risikominimierung und Vermeidung hoher Fehlinvestitionen ist es oft erfolgskritisch, das Produkt/die Dienstleistung auf Marktpotenzial und Umsetzbarkeit zu testen. Eine Möglichkeit besteht darin, zunächst einen Prototyp zu entwickeln und ihn mit Blick auf das Kundenfeedback marktfähig anzupassen. War der Markteintritt erfolgreich, stehen Start-ups vor der Herausforderung, auf (schnelles) Wachstum und die damit einhergehende Veränderungen zu reagieren. Das geht z. B. mit dem Ausbau der Mitarbeiterstruktur und Umstrukturierungen einher, die von einem gezielten Change Management begleitet werden.

Quelle Foto: Fotolia © oneinchpunch


Denny Hölscher

Denny Hölscher

Als geschäftsführender Gesellschafter der prosoft Vertriebs- und Consulting GmbH verantwortet Denny Hölscher die Bereiche Vertrieb, Marketing und Support für Deutschland und Österreich. Sein Ziel: „Zufriedene Kunden, innovatives Marketing, optimale Prozessabläufe und solide Expansion.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>