Kennzahlen unter der Lupe: Vakanzdauer

Vakanzdauer in KMUs und Großbetrieben

Die Vakanzdauer ist ein Maß für die Effektivität des Recruiting-Prozesses und dient zur Einschätzung des Arbeitsmarkts in seiner zeitlichen Entwicklung. Aktuell herrscht nahezu Vollbeschäftigung: Seit 2011 ist die Zahl der Arbeitslosen laut Fortschrittsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales um 10 % (286.000 Personen) zurückgegangen. Gleichzeitig verzeichnen Unternehmen einen hohen Einstellungsbedarf: Die Zahl der Neueinstellungen betrug laut IAB-Kurzbericht im Vorjahr 3,65 Millionen, der Großteil davon verfiel auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die insgesamt 99 % aller deutschen Betriebe ausmachen. Und damit ist der Bedarf an Neueinstellungen noch nicht abgedeckt: Etwa ein Drittel der Kleinbetriebe hat 2016 seinen Suchprozess erfolglos abgebrochen, bei den mittleren Unternehmen waren es 8 %, bei den großen 3 %. Die Gründe: Kleine Betriebe erhielten insgesamt weniger qualifizierte Bewerbungseingänge (zu wenig Berufserfahrung, zu geringe Qualifikationen) oder konnten den Lohn- und Gehaltforderungen von Bewerbern nicht nachkommen. Die durchschnittliche Vakanzdauer, also die Dauer, in der eine Stelle unbesetzt bleibt, betrug im Vorjahr gemäß IAB-Kurzbericht 50 Tage. Kleinbetriebe liegen mit einer Vakanzzeit von 52 Tagen knapp über dem Durchschnitt, Großbetriebe benötigen exakt 50 Tage und mittlere Betriebe weisen mit 48 Tagen die geringste Vakanzdauer auf. Mögliche Gründe dafür sind, dass größere Unternehmen mehr Akademiker einstellen, die ein zeitintensiveres, mehrstufiges Bewerbungsverfahren durchlaufen. Außerdem erhalten Großbetriebe i. d. R. eine höhere Anzahl an Bewerbungseingängen, weshalb der Selektionsprozess sich in die Länge ziehen könnte. Kleine Betriebe erhalten insgesamt weniger Bewerbungen und nutzen vor allem persönliche Kontakte zur Besetzung von Vakanzen. Oft verfügen sie über weniger Hierarchieebenen und die Kommunikationswege zwischen Entscheidern sind kürzer.

Entwicklung der Vakanzdauer

Die durchschnittliche Vakanzdauer steigt laut aktuellem Fortschrittsbericht des BMAS zur Fachkräftesicherung kontinuierlich an. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sei die Vakanzzeit um 10 Tage gestiegen. Dies gilt für alle Berufe außer Helfer. Die Zahl der offenen Stellen ist von 2011 bis 2016 von 918.000 auf 1.055.000 gestiegen. Von einem Fachkräfteengpass geht der Bericht aus, wenn:
– die Arbeitslosen-Stellen-Relation (Arbeitslose je Arbeitsstelle) bei Fachkräften und Spezialisten das Verhältnis 2:1 unterschreitet, bei Experten 4:1
– die Vakanzdauer einer Berufsgruppe 40 % über dem Durchschnitt liegt
– die berufsspezifische Arbeitslosenquote unter 3 % liegt
Die Zahl der Arbeitslosen je Stelle ist seit 2011 gesunken. Mittlerweile herrscht auf dem deutschen Arbeitsmarkt nahezu Vollbeschäftigung. Ein Fachkräfteengpass kann aber auch dann vorliegen, wenn es viele verfügbare Arbeitskräfte am Markt gibt: Entscheidend ist, ob eine Fehlanpassung zwischen nachgefragten und angebotenen Qualifikationen vorliegt. Mit der Digitalisierung (Stichwort „Arbeitsmarkt 4.0“) könnten sich die Qualifikationsanforderungen weiter verschieben.

Fachkräftesituation in Deutschland

Fachkräfteengpässe treten zurzeit hauptsächlich in technischen Berufen sowie Gesundheits- und Pflegeberufen auf – wobei es hier auch regionale Unterschiede gibt. In der Fachkräfteengpassanalyse 2017 stellt die Bundesagentur für Arbeit dar, in welchen Berufen derzeit Besetzungsschwierigkeiten auftreten. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich laut Bericht die Engpässe bei Aufsichtsräten in der Baubranche stärker herauskristallisiert. Entspannt hat sich die Lage im Bereich Elektrotechnik und IT-Anwenderberatung. In der Baubranche herrscht derzeit ein verschärfter Wettbewerb um Fachkräfte vor. Für Fachkräfte ist die Vakanzzeit (+ 11 Tage) höher als für Spezialisten (+ 6 Tage) oder Experten (+ 5 Tage). Auf der Ebene der Experten zeigt sich bei technischen Berufen ein Mangel für:
– Kraftfahrzeugtechnik (Ø Vakanzzeit: 139 Tage)
– Softwareentwicklung, Programmierung (144 Tage)
– Konstruktion und Modellbau (141 Tage)
Technische Fachkräfte und Spezialisten fehlen im Bereich:
– Mechatronik und Automatisierungstechnik (135 Tage)
– Energietechnik (148 Tage)
– Klempnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (156 Tage)
– technischer Eisenbahnbetrieb, Überwachung und Wartung der Eisenbahninfrastruktur (156 Tage), Fahrzeugführung (187 Tage)
Spezialisten im Baubetrieb fehlen im Bereich:
– Hochbau (153 Tage) und Tiefbau (164 Tage)
– Aus- und Trockenbau, insbes. Aufsichtskräfte (148 Tage)
In Gesundheits- und Pflegeberufen fehlen:
– Humanmediziner (128 Tage) – vor allem in ländlichen Gebieten
– Apotheker (141 Tage)
– Gesundheits- und Krankenpfleger (140 Tage)
– examinierte Altenpfleger (167 Tage)
– Fachkräfte für Orthopädie- und Rehatechnik (178 Tage) und Hörgeräteakustik (165 Tage)
– Spezialisten für Orthopädietechnik (226 Tage) und Hörgeräteakustik (170 Tage)
– Physiotherapeuten (144 Tage)
Auch ein Mangel an Friseurmeistern (170 Tage) und Fahrlehrern (175 Tage) ist erkennbar.

Ermittlung der Vakanzdauer

Die Vakanzdauer ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Freiwerden und der Wiederbesetzung einer Position in Tagen. Die durchschnittliche Vakanzzeit lässt sich aufschlüsseln für verschiedene Positionen und Schlüsselpositionen im Unternehmen, Abteilungen oder Berufsgruppen. Berücksichtigt werden dabei Stellen, für die auch tatsächlich eine Nachbesetzung geplant ist. Die Vakanzdauer kann ein Indikator für die Effizienz des Recruitings und des Nachwuchsmanagements  sein und verdeutlicht die durch die Vakanz auftretenden Kosten. Eine Optimierung des Bewerbermanagements kann sich positiv auf die Dauer der Vakanzzeit auswirken, wenn es beispielsweise gelingt, die Time-to-Hire bzw. Time-to-Fill durch kürzere Kommunikationswege zwischen Entscheidern, durch schnelle Feedbackzeiten oder bessere Recruiting-Kanäle und mehr qualifizierte Bewerbungseingänge zu verkürzen.

Fazit

Die Vakanzdauer ist die Dauer, die eine Stelle unbesetzt bleibt. Sie ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Freiwerden und der Wiederbesetzung einer Stelle. Die Vakanzdauer ist ein Maß für die Effektivität des Recruiting-Prozesses und dient zur Einschätzung des Arbeitsmarkts. In den vergangenen Jahren ist die Vakanzdauer kontinuierlich gestiegen. Sie kann neben der Arbeitslosen-Stellen-Relation und der berufsspezifischen Arbeitslosenquote als Indikator für Fachkräfteengpässe verwendet werden. Gelingt es einem Unternehmen, Optimierungspotenziale im Recruiting und Nachwuchsmanagement umzusetzen, kann sich dies positiv auf die Dauer der Vakanz auswirken.

Quelle Foto: Fotolia © Africa Studio

 


prosoft-Team

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