Trennen Sie noch oder leben Sie schon? Warum Work-Life-Balance keinen Gewinn bringt

Immer häufiger ist von Work-Life-Balance die Rede. „Ich glaube allerdings nicht, dass es das ist, was engagierte Mitarbeiter ausmacht“, sagt Christine Pehl [1]. Die Augsburgerin ist zertifizierter Business Coach und begleitet Unternehmer und Menschen in leitenden Positionen. Sie beobachtet: „Menschen wollen ein gutes Leben haben und das hat auch mit guter Arbeit zu tun.“ Sie prägte deshalb den Begriff Lebensbalance – und ist damit nicht allein.

Zum Beispiel hat „Leben in Balance“ [2] für die Burn-out-Vorbeugung einen Life-Balance-Fragebogen entwickelt. Und der Münchner Ayurveda-Arzt Dr. Ulrich Bauhofer beschreibt in seinem Buch „In Balance leben“ [3], wie man alle Lebensbereiche in Balance bringt, um Stress abzubauen und genügend Energie zu haben.

Aber drückt sich das nicht auch alles in der Work-Life-Balance aus?

Getrennte Zeitbudgets

„Nein“, ist Christine Pehl überzeugt: „Es geht nicht darum, Arbeit und Leben – meist mit ihrem Zeitbudget – getrennt gegeneinander aufzuwiegen.“ Die meisten Menschen trennen Arbeit und Leben strikt voneinander. Unüberhörbares Indiz dafür sind Morgensendungen im Radio landauf, landab: Da wird der Montag als übelster Tag der Woche zelebriert – weil man wieder zur Arbeit muss. Der Freitag ist der Höhepunkt: Endlich Wochenende, endlich Leben.

Doch die Lebensbalance bricht sich Bahn. Wer mit jungen Menschen zu tun hat, beobachtet einen Kulturwandel. Bewerber formulieren ganz neue Erwartungen an ihre Arbeit: Sie suchen etwas mit Sinn, sie wollen sich einbringen. Klassische Karriere und Statussymbole (Firmenwagen!) sind sekundär, wichtiger ist, ob sie Raum haben, sich mit ihren Talenten sinnstiftend einbringen und entwickeln zu können. Darauf sind Personalabteilungen und Unternehmer unzureichend vorbereitet.

Christine Pehl berichtet von den Erfahrungen eines motivierten angehenden Hotelfachmanns [4], der in Österreich und der Schweiz drei längere Praktika absolvierte. Im Gastgewerbe, das wissen auch Branchenfremde, bedeutet Praktikum „ordentlich anzupacken“. Die erste Stelle war nach Angaben des jungen Mannes „ganz ok“. Die zweite, ein Familienbetrieb, war super: „Die Inhaber waren nett, haben mich einbezogen, mich gelobt, mir etwas zugetraut. Da war die Stimmung gut! Und wenn’s mal gebrannt hat, habe ich auch mehr gearbeitet, ohne nach Überstunden zu fragen.“ Im dritten Betrieb, einem Drei-Sterne-Restaurant, „herrschte schlechte Stimmung. Die Erwartungen waren hoch, der Ton harsch, man konnte nichts recht machen. Da wurde auch ich kleinlich und schrieb jede Viertelstunde Mehrarbeit auf.“

Ein Praktikant – drei verschiedene Verhaltensweisen als Reaktion auf die Verhältnisse. Der junge Mann hat sich aus Überzeugung fürs Hotelgewerbe entschieden, er mag seinen Beruf, aber er wird bei der Arbeitsplatzwahl nicht nur nach dem Renommee schauen, sondern sich einen Betrieb suchen, wo er sich wohl fühlt und wertgeschätzt wird.

Nur Leistung zählt …

Möglicherweise haben leistungsorientierte Eltern einen großen Anteil daran, dass der Nachwuchs anders tickt. So musste sich ein Arzt [5] mit gut gehender Praxis von seinen drei Kindern anhören, dass sie nicht Medizin studieren werden, weil sie im Leben auch noch etwas anderes wollten als nur zu arbeiten. Der Arzt hat verstanden und seine Praxis nun zum Verkauf gestellt: „Ich spüre bei meinen Kindern eine andere Lebenseinstellung: Sie wollen verschiedene Bereiche wie Familie, Freunde und eine sinnvolle Arbeit in Einklang bringen.“

Er ist nicht der Einzige in den Fünfzigern, der das beobachtet. Oft sind es einschneidende Ereignisse, Todesfall, Scheidung, Krankheit, die Fragen aufwerfen. Wie will ich wirklich leben? Was ist mir wichtig und wofür will ich arbeiten?

Was aber bedeutet das für den HR-Bereich? Drei konkrete Tipps von Christine Pehl, wie das Thema angegangen werden kann:

  1. Fragen Sie sich selbst: Wie ist meine Haltung zum Leben?
    Trennen Sie zwischen „Work“ und „Life“? Sind Sie froh, wenn Sie die Tür hinter sich zu machen? Besteht Ihr Leben nur aus Arbeit? Beginnt das wahre Leben erst nach der Arbeit? Oder sind Sie im Fluss – in Balance –, fühlen sich wohl in Ihrer Haut, egal ob in der Arbeit, zuhause oder unterwegs?
  2. Suchen Sie einen ehrlichen Austausch zum Thema, mit Kollegen auf Ihrer Ebene, ganz nach dem Motto: Trennen Sie noch oder leben Sie schon? Viele trennen noch, doch die Vision von der „Lebensbalance“ hat etwas Ansteckendes.
  3. Fragen Sie Bewerber auch nach deren Lebenseinstellung: Was sie vom Leben erwarten und welchen Anteil die Arbeit daran hat. Wenn Sie spüren, ja, dieser Mensch passt ins Unternehmen, dann prüfen Sie: Was bieten wir diesem Bewerber, damit er sich bei uns wohl fühlt und seine Potenziale einbringen und entwickeln kann.

[1] www.pehl-beratung.de

[2] www.balance-fuers-leben.de

[3] http://www.randomhouse.de/Paperback/In-Balance-leben-Wie-wir-trotz-Stress-mit-unserer-Energie-richtig-umgehen/Ulrich-Bauhofer/e421231.rhd

[4] Name der Redaktion bekannt

[5] Name der Redaktion bekannt


Denny Hölscher

Denny Hölscher

Als geschäftsführender Gesellschafter der prosoft Vertriebs- und Consulting GmbH verantwortet Denny Hölscher die Bereiche Vertrieb, Marketing und Support für Deutschland und Österreich. Sein Ziel: „Zufriedene Kunden, innovatives Marketing, optimale Prozessabläufe und solide Expansion.”

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