Wird die Höchstüberlassungsdauer gekippt?

Petition zur Abschaffung der Höchstüberlassungsdauer

Die Höchstüberlassungsdauer gehört abgeschafft: Das fordern die bisher 3622 (Stand 09.11.) Unterzeichner der Online-Petition des Betriebsrats von Randstad. Bis zum 27.11.2018 werden mindestens 50.000 Unterschriften benötigt (Quorum), damit die Forderung im Bundestag Beachtung findet.
Die Höchstüberlassungsdauer gilt seit der am 01.04.2017 in Kraft getretenen AÜG-Reform: Nach § 1 AÜG dürfen Zeitarbeitnehmer nicht länger als 18 aufeinanderfolgende Monate bei demselben Entleiher beschäftigt bleiben. Unter bestimmten Umständen ist eine Abweichung von der 18-Monate-Frist möglich. Das ursprüngliche Ziel der Regelung seitens des Gesetzgebers – die Arbeitsbedingungen der Zeitarbeiter zu verbessern – wurde laut Anhängern der Petition verfehlt. Eigentlich sollte die Frist die Übernahmechancen der Leiharbeiter steigern. Ob dieser Klebeeffekt zustande kommt, bezweifeln die Gegner der Regelung. Die Erfahrungen in der Praxis zeichnen ein ganz anderes Bild. Kritisiert wird u. a. Folgendes:
Erzwungener Einsatzabbruch: Auch wenn ein Zeitarbeitnehmer mit Einsatz und Verdienst zufrieden ist, muss er das Einsatzunternehmen mit Ablauf der Frist verlassen.
Häufiger Einsatzwechsel: Die kurzen Fristen erschweren es, dass ein Zeitarbeiter im Einsatzbetrieb Fuß fasst. Stattdessen muss er sich nach einigen Monaten auf eine Einarbeitung in einem neuen Einsatzunternehmen einstellen. Die Planbarkeit als wichtiges Instrument für die Work-Life-Balance wird reduziert.
Finanzielle Einbußen: Attraktive Einsätze, bei denen z. B. Branchenzuschläge gezahlt werden, müssen zum Ablauf der Höchstüberlassungsdauer abgebrochen werden. Ansprüche wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld fallen ggf. hinter den bisherigen Standard zurück. Außerdem wird der Aufbau einer Betrieblichen Altersversorge erschwert.
Erschwerte Projektarbeit: Ein Einsatz im Rahmen von Projekten dauert selten kürzer als die Frist es vorsieht. Auch Pflege- oder Elternzeitvertretungen, die die Überlassungsfrist überschreiten, sind problematisch.
Viele Zeitarbeiter begegnen der Neuregelung mit Skepsis. Das zeigt eine Studie des unabhängigen Marktforschungsunternehmens Lünendonk im Auftrag der Orizon GmbH: Über die Hälfte der 1.500 Befragten gab an, dass die Nachteile der Reform überwiegen. Sie befürchten einen häufigeren Einsatzwechsel (z. B. bedingt durch die Überlassungsfrist) oder gar einen Jobverlust. Zudem sehen sie das Risiko, dass ein Wechsel des Einsatzortes mit Gehaltsschwankungen oder -einbußen einhergeht.
Für Unternehmen bedeutete die AÜG-Reform vor allem zu Anfang einen hohen Verwaltungsaufwand. Mittlerweile sind viele Prozesse in der operativen Praxis umgesetzt und lassen sich z. B. mithilfe von Software IT-gestützt managen.

Regulierungsfreiheit positiv nutzen

Dass die Zeitarbeitsbranche ihre Verantwortung gegenüber Zeitarbeitnehmern und Kunden ernst nimmt, hat sie in der Regulierungspraxis vielfach bewiesen. Ein Großteil der Personaldienstleister und Zeitarbeitsunternehmen ist Mitglied in einem der großen Branchenverbände (iGZ, BAP).
Die Verbände pflegen seit Jahren ein partnerschaftliches Verhältnis mit Gewerkschaften und haben ein gemeinsames Tarifwerk (BAP/iGZ-DGB-Tarifwerk) ausgearbeitet, das Mindestarbeitsbedingungen festlegt.
Der iGZ hat einen Ethikkodex für eine faire und werteorientierte Zeitarbeitspraxis entwickelt, auf den sich alle Mitglieder verpflichten. Mit seinen verbindlichen Standards und Handlungsgrundsätzen schafft der Kodex Transparenz für einen fairen Umgang mit Mitarbeitern, Kunden, Wettbewerben und Behörden. Folgende Leitwerte werden verfolgt:
• Fairness
• Zuverlässigkeit
• Respekt
• Vertrauen
• Seriosität
Zur Einhaltung der Regelungen wurde ein eigenes unabhängiges Gremium eingerichtet: die Kontakt und Schlichtungsstelle (KuSS). Die Stelle nimmt Beschwerden entgegen und ahndet Verstöße gegen den Kodex. Schwarze Schafe in der Branche werden mithilfe des Beschwerdesystems enttarnt und unter Sanktionsandrohung dazu angehalten, Abläufe zu korrigieren.
Ein zu hoher Regulierungszwang und praxisferne Gesetze bergen das Risiko negativer Effekte auf die Branche und ihre internen Prozesse: Nicht immer erzielt ein Gesetz die geplanten Wirkungen und kann Nebeneffekte entfalten, die nicht vorausgesehen wurden. Brancheninterne Akteure sind nah am Branchengeschehen und können Dynamiken einschätzen. Ihnen ist in aller Regel daran gelegen, die Vorteile der Zeitarbeit als Flexibilisierungsinstrument für Kunden und als Sprungbrett für Zeitarbeiter zu festigen. Die Dreieckskonstellation in der Arbeitnehmerüberlassung ist von Interdependenzen geprägt, die Auswirkung auf ein stabiles Funktionieren der Branche haben: Am besten funktioniert sie, wenn Kunden, Mitarbeiter und Branchenvertreter zufrieden sind. Brancheninterne Akteure haben ein Interesse daran, eine solche Zufriedenheit für alle Parteien zu ermöglichen.
Dass Sozialpartner mit ihren Branchenerfahrungen eine wichtige Rolle bei der Regulierung spielen sollten, betonte Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundestagspräsident a.D., auf dem diesjährigen iGZ-Bundeskongress: „All das, was regelungsbedürftig und -fähig ist, sollte vorzugsweise über die Sozialpartner geregelt und geklärt werden“, erklärte er. Es sei wichtig, eine Balance zwischen Stabilität und Flexibilität zu finden.

Die Vorteile der Branche stärken

Die Zeitarbeitsbranche kann für alle Beteiligten Vorteile mit sich bringen – wichtig ist, diese gezielt zu stärken anstatt sie durch eine mögliche Fehlregulierung zu schwächen. Durch sinnvolle Regulierungen lassen sich Anreize schaffen, die die Hauptvorteile der Branche festigen: ihre Funktion als Flexibilisierungsinstrument für Entleiher und als Karrieremöglichkeit für Arbeitnehmer.
Vorteile für Mitarbeiter: Die Zeitarbeit kann ein Sprungbrett in das Berufsleben darstellen und ermöglicht es, Berufserfahrung zu sammeln. Sie bietet z. B. Arbeitslosen, Geflüchteten, Berufseinsteigern und -rückkehrern eine Perspektive auf Beschäftigung. Berufsrückkehrer finden nach längerer Pause eine Anstellung über die Zeitarbeit und fassen dadurch wieder Fuß im Berufsleben. Berufseinsteiger erwerben erste Berufserfahrungen und ggf. Zusatzqualifikationen, die ihnen den Einstieg in die Berufswelt erleichtern. Für Entleihunternehmen und Zeitarbeitnehmer kann der Einsatz als verlängerte Probezeit fungieren: Sind beide Seiten zufrieden, besteht die Möglichkeit auf Übernahme im Einsatzbetrieb. Laut Orizon-Arbeitsmarktstudie 2018 finden etwa zwei Drittel der Arbeitnehmer über die Zeitarbeit eine Anstellung.
Vorteile für Unternehmen: Unternehmen bietet die Arbeitnehmerüberlassung die Möglichkeit eines flexibleren und bedarfsgerechten Personaleinsatzes. Auftragsspitzen, z. B. in Folge von volatilen Auftragslagen und konjunkturellen Schwankungen, lassen sich über das Instrument gezielt abfangen. Durch den Einsatz zusätzlicher Kräfte können Unternehmen ihr Stammpersonal bei guten Auftragslagen entlasten. Die ad hoc abrufbare Personalreserve ermöglicht es, Wachstumsphasen effektiver zu nutzen und Produktivitätseinbußen sowie Leerlaufzeiten zu vermeiden.

Fazit

Die Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten sollte die Übernahmechancen für Zeitarbeitnehmer verbessern. Brancheninterne Akteure kritisieren eine Verfehlung des Ziels und negative Effekte der Regelung, zum Beispiel einen häufigeren und erzwungenen Einsatzwechsel: Auch wenn Zeitarbeiter im Einsatzunternehmen zufrieden sind, müssen sie den Einsatzort wechseln und erneut eingearbeitet werden. Dies kann u. a. mit Gehaltsschwankungen oder -einbußen einhergehen.

Quelle Foto: ©  Elnur / Fotolia


prosoft-Team

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Personalwesen und IT: eine unschlagbare Kombination. Als Anbieter hochspezialisierter Branchensoftware für das HR-Management und den Zeitarbeitsmarkt verfolgen wir diese Liaison seit über 30 Jahren. Was uns daran fasziniert? Dass sich selbst komplexe Prozesse mit dem richtigen Werkzeug einfach intelligent gestalten lassen. Unseren Erfahrungsschatz aus Branchen-Know-how, Prozessexpertise und Praxiswissen teilen wir mit HR-Interessierten in unseren Praxisseminaren:

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