Mythen zur Zeitarbeit enttarnt

5 Mythen und Fakten

Zu 90 % unbefristete Arbeitsverträge und eine Anstellung in Vollzeit, ein regulärer Arbeitsvertrag und faire Standards – wer das hört, denkt nicht an die Zeitarbeit. Zu Unrecht. Die Zeitarbeit hat ein Imageproblem, dem mitunter falsche Annahmen zu Grunde liegen. Eine repräsentative Umfrage zur Zeitarbeit im Urteil der Bevölkerung, die ein Beauftragter des Allensbacher Instituts auf dem iGZ-Bundeskongress 2018 vorgestellt hat, förderte entsprechende Ergebnisse zu Tage: Etwa 97 % der Befragten kennen den Begriff Zeitarbeit. Die Vorstellungen, was sich dahinter verbirgt, gehen jedoch auseinander.
Mythos 1: Zeitarbeit ist ein zeitlich befristetes Verhältnis.
Stimmt selten: In der Regel ist das Gegenteil der Fall: Über 90 % der Verträge mit Personaldienstleistern sind unbefristet. 89 % der Zeitarbeitnehmer arbeiten in Vollzeit.
Mythos 2: Die Leiharbeit ist ein Arbeitsverhältnis ohne Festanstellung.
Stimmt nicht: Die Arbeitnehmerüberlassung ist regulären Beschäftigungsverhältnissen rechtlich gleichgestellt: Mitarbeiter sind bei einem Verleiher fest angestellt und genießen die vertraglichen Rechte eines normalen Arbeitnehmers. Das betrifft zum Beispiel Leistungen der Renten- und Krankenversicherung, der Pflegeversicherung und der Unfallversicherung. Wie andere Arbeitnehmer auch erhält ein Zeitarbeitnehmer Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub.
Mythos 3: Zeitarbeit wird vor allem zum Lohndumping betrieben.
Stimmt eher nicht: Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche. Die Zeitarbeit ist vor allem ein wertvolles Flexibilisierungsinstrument: Sie hilft Unternehmen dabei, Auftragsspitzen abzufangen und auf volatile Auftragslagen zu reagieren. Die Zeitarbeit trägt zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Gesundheit von Unternehmen bei – das wirkt sich positiv auf die Konjunktur und den Arbeitsmarkt aus. Für Zeitarbeitnehmer gelten Mindestlöhne, die über dem Durchschnitt liegen und im Zuge von Tariferhöhungen in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Die Lohnerhöhungen tragen außerdem zu einer Annäherung der Entgelte in Ost und West bei. Branchenzuschläge ermöglichen eine sukzessive Heranführung der Gehälter von Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten. Mit Einführung der AÜG-Reform am 01.04.2017 gelten Equal-Pay-Vorschriften, damit Zeitarbeitnehmer ein gleichwertiges Arbeitsentgelt erhalten.
Mythos 4: In der Zeitarbeit gilt kein Kündigungsschutz.
Stimmt nicht: Leiharbeiter sind beim Kündigungsschutz gleichgestellt. Bereits seit dem 2013 gefällten Urteil des Bundesarbeitsgerichts (24.01.2013, 2 AZR 140/12) zählen Zeitarbeitnehmer beim Kündigungsschutz mit. Wie jeder reguläre Beschäftigte können sie sich nach 6 Monaten auf den Kündigungsschutz berufen. Verleiher müssen beim Ausspruch einer Kündigung gesetzliche oder tarifliche Kündigungsfristen berücksichtigen.
Mythos 5: Die Anstellung als Zeitarbeiter raubt Karrierechancen.
Stimmt nicht: Die Zeitarbeit eignet sich zwar nicht für alle Erwerbsfähigen, für bestimmte Gruppen kann sie jedoch ein Sprungbrett in das Berufsleben sein: Sie bietet zum Beispiel Arbeitslosen, arbeitsmarktfernen Menschen, Berufseinsteigern und -rückkehrern eine Perspektive auf Beschäftigung. Im 1. Halbjahr 2016 wurden laut Arbeitsmarktbericht 68 % der neu aufgenommenen Zeitarbeitsverhältnisse mit Personen geschlossen, die zuvor nicht oder noch nie beschäftigt waren. Insgesamt nehmen vergleichsweise viele Leiharbeitnehmer ihre Beschäftigung aus der Arbeitslosigkeit heraus auf. Nach Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses finden Zeitarbeitnehmer in der Regel schnell wieder einen Arbeitsplatz, überwiegend außerhalb der Zeitarbeit: Etwa 64 % der Zeitarbeitnehmer üben nach 90 Tagen wieder eine Beschäftigung aus. Auch ein Arbeitsverhältnis mit dem Entleihunternehmen ist möglich und wird von vielen vermittlungsorientierten Personaldienstleistern forciert (Klebeeffekt).

KuSS für die Zeitarbeit

Der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) hat einen Ethikkodex für eine faire und werteorientierte Zeitarbeitspraxis entwickelt. Der Kodex beinhaltet verbindliche Standards und Handlungsgrundsätze für das Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Kunden, gegenüber Wettbewerbern, Behörden und der Öffentlichkeit. Alle iGZ-Mitglieder – d. h. ein Großteil der Akteure in der Zeitarbeit – verpflichtet sich den Grundsätzen für eine gute Zeitarbeitspraxis. Folgende Leitwerte werden verfolgt:
• Fairness
• Zuverlässigkeit
• Respekt
• Vertrauen
• Seriosität
Mit der Verpflichtung auf den Ethikkodex setzen Personaldienstleister ein Zeichen für gute Zeitarbeit und schaffen Transparenz für einen fairen Umgang. Die Einhaltung der Regelungen wird von einem unabhängigen Gremium überwacht: der Kontakt- und Schlichtungsstelle (KuSS). Die Kontaktstelle nimmt Hinweise, Anfragen und Beschwerden entgegen und prüft, ob diese gegen den Ethikkodex verstoßen. In dem Fall wird das Anliegen an die Schlichtungsstelle weitergeleitet, die alle Beteiligten in die Konfliktlösung einbezieht. Mit Erfolg: Ein Großteil der Einigungen konnte in den vergangenen Jahren ohne Einschaltung des Arbeitsgerichts erzielt werden. Die KuSS erhält zum Beispiel Ethikkodex-relevante Fragen sowie Anfragen zum Arbeits- und Tarifrecht. Die Kontaktinformationen finden Mitarbeiter auf einer Fairness-Garantiekarte, die von den Verleihunternehmen herausgegeben wird. Bei groben Verstößen wird der iGZ-Vorstand informiert. Dieser hat die Möglichkeit, Sanktionen zu verhängen, zum Beispiel Verbandsausschlüsse oder Zahlungen an Geschädigte. Schwarze Schafe in der Branche werden mithilfe des Beschwerdesystems enttarnt und unter Sanktionsandrohung dazu angehalten, Abläufe zu korrigieren. Darüber hinaus wird die Branche strikt kontrolliert – zum Beispiel durch die Berufsgenossenschaften und das Gewerbeamt, die den betrieblichen Arbeitsschutz überwachen und durch Arbeitsagentur und Zoll, die die Lohnbedingungen kontrollieren.

Fazit

Gegenüber der Zeitarbeitsbranche kursieren viele Mythen, die mitunter auf irrigen Annahmen beruhen, zum Beispiel, dass die Zeitarbeit ein zeitlich befristetes Arbeitsverhältnis ohne Festanstellung ist. Das Gegenteil ist der Fall: Der überwiegende Teil der Beschäftigungsverhältnisse in der Zeitarbeit ist unbefristet. Zeitarbeitnehmer sind über einen Arbeitsvertrag bei einem Verleihunternehmen angestellt und genießen die gleichen Rechte wie ganz normale Arbeitnehmer (z. B. Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall). Für bestimmte Gruppen wie z. B. Langzeitarbeitslose kann die Zeitarbeit ein Sprungbrett in die Berufswelt darstellen und die Chance auf Übernahme durch ein Entleihunternehmen mit sich bringen. Um eine faire Zeitarbeitspraxis zu gewährleisten und Zeitarbeitern die Möglichkeit zur Beschwerde zu bieten, gibt es einen Ethikkodex und eine unabhängige Kontakt- und Beschwerdestelle (KuSS).

Quelle Foto: © Thomas Reimer/ Fotolia


prosoft-Team

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Personalwesen und IT: eine unschlagbare Kombination. Als Anbieter hochspezialisierter Branchensoftware für das HR-Management und den Zeitarbeitsmarkt verfolgen wir diese Liaison seit über 30 Jahren. Was uns daran fasziniert? Dass sich selbst komplexe Prozesse mit dem richtigen Werkzeug einfach intelligent gestalten lassen. Unseren Erfahrungsschatz aus Branchen-Know-how, Prozessexpertise und Praxiswissen teilen wir mit HR-Interessierten in unseren Praxisseminaren:

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