Fachkräftesicherung in Deutschland: Der aktuelle Fortschrittsbericht des BMAS

5 Pfade zur Fachkräftesicherung

Arbeitgeber stehen in Sachen Personalgewinnung aktuell vielen Herausforderungen gegenüber: Der vieldiskutierte Fachkräftemangel scheint sich in bestimmten Branchen und Regionen fortzusetzen. Digitalisierung und „Arbeitswelt 4.0“ führen dazu, dass sich Qualifikationsanforderungen verschieben. Dynamiken wie der demographische Wandel mit einem sinkenden Anteil Erwerbsfähiger, die Beinahe-Vollbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt und die Digitalisierung machen es deutlich: Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt verändern sich. Zur bestmöglichen Ausschöpfung von Erwerbspotenzialen hat die Bundesregierung bereits 2011 ein Konzept zur Fachkräftesicherung vorgelegt. Das Konzept sieht folgende 5 Sicherungspfade vor:
Aktivierung und Beschäftigungssicherung: Mit Blick auf den demographischen Wandel und die steigende Anzahl älterer Menschen gewinnt die Beschäftigungssicherung für Ältere an Bedeutung. Instrumente hierzu sind beispielsweise die Erhöhung des Renteneintrittsalter auf 67 und eine Förderung des altersgerechten Arbeitens, um die Erwerbstätigenquote Älterer zu erhöhen. Darüber hinaus ist der Abbau von Arbeitslosigkeit, die (Re-)Integration und Qualifizierung von Arbeitslosen Teil der Beschäftigungssicherung.
Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll sich insbesondere auf die Erwerbstätigenquote von Frauen auswirken, da vor allem Mütter keiner Beschäftigung nachgehen oder ihre Arbeitszeit deutlich reduzieren. Instrumente für eine bessere Vereinbarkeit sind beispielsweise ein Ausbau der Betreuungsinfrastruktur oder eine stärkere Arbeitszeitflexibilisierung.
Bildungschancen für alle: Zur Fachkräftesicherung sollen die Bildungschancen für alle Kinder und Jugendliche unabhängig von der kulturellen der sozialen Herkunft gestärkt werden (Bildung in der frühen Kindheit, Schulbildung, Berufsausbildung).
Qualifizierung durch Aus- und Weiterbildung: Zur Fachkräftesicherung wird eine bessere Qualifizierung angestrebt. Ziel ist es u. a., die Abbruchquote bei der Schul- und Berufsbildung zu senken. Für Menschen, die Schwierigkeiten haben, eine Ausbildung zu finden, soll der Zugang erleichtert werden. Neben der Ausbildung ist auch die Weiterbildung von Arbeitnehmern eine wichtige Grundlage zur Fachkräftesicherung.
Integration und qualifizierte Zuwanderung: Migranten sollen leichter gemäß ihrer Qualifikation am Arbeitsmarkt integriert werden, um einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Der Förderung inländischer Potenziale wird zwar Vorrang eingeräumt, aber auch die qualifizierte Zuwanderung ist im Zuge der Fachkräftesicherung wichtig.
Eine Bilanz zu den bisher erreichten Zielen und bestehenden Herausforderungen der Fachkräftesicherung hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales aktuell in seinem Fortschrittsbericht gezogen.

Der deutsche Arbeitsmarkt: aktuelle Zahlen und Prognosen

Insgesamt hat sich die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland erhöht: 2016 betrug sie 43,6 Millionen und lag damit um 2 Millionen höher als noch 2011. 2017 soll die Zahl der Erwerbstätigen der Bundesregierung zufolge 44 Millionen überschreiten. Die im Fachkräftekonzept angestrebte Integration von Arbeitslosen hat sich laut Bericht verbessert: Von 2011 bis 2016 ist die Zahl der Arbeitslosen um 10 % (286.000 Menschen) zurückgegangen. Erschwert werde die Integration durch einen langen Leistungsbezug, ein niedriges Qualifikationsniveau, gesundheitliche Probleme oder ein hohes Alter. Die Zahl der Vakanzen ist im selben Zeitraum von 918.000 auf 1.055.000 angestiegen, mit einer zunehmenden durchschnittlichen Vakanzzeit: Diese ist über alle Berufe (außer Helfer) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 100 Tage angestiegen (+10). Hauptsächlich betroffen von den Fachkräfteengpässen sind technische und Gesundheits- und Pflegeberufe. Für Arbeitgeber macht sich der demografische Wandel durch die steigende Anzahl älterer Menschen und den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge 2030 bemerkbar. Ende 2020 wir schätzungsweise beinahe ein Fünftel der Erwerbsfähigen zwischen 60 und 67 Jahre alt sein. Im Bericht wird vermutet, dass in einzelnen Branchen und Regionen vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung größere Engpässe auftreten. Trotz Zuwanderung ist davon auszugehen, dass die Zahl der Arbeitskräfte im Jahr 2030 im Vergleich zu 2014 um 700.000 zurückgeht. In der Integration von Zuwanderern konnten laut Bericht Erfolge verzeichnet werden: In den letzten 12 Monaten hat sich die Beschäftigtenzahl von Zuwanderern aus den wichtigsten nichteuropäischen Asylherkunftsländern um 64.000 erhöht, mehr als 47.000 davon sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Was das Arbeitsangebot angeht, wird sich die Zahl der Experten (mind. 4-jähriges Hochschulstudium) bis 2030 Prognosen zufolge erhöhen, die Zahl Spezialisten (Bachelor, Meister- oder Techniker) wird stagnieren. Die Zahl der Fachkräfte und Helfer wird demnach eher rückläufig sein.

Die Entwicklung in Zahlen

Aktivierung und Beschäftigungssicherung:
• Die Erwerbstätigenquote der 20- bis 64-Jährigen konnte 2016 auf 78,7 % erhöht werden und liegt damit über dem Zielwert von 77 %.
• Der Anteil der Erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen ist 2016 auf 68,6 % gestiegen (Zielwert 60 %).
• Die Frauenerwerbstätigenquote der 20- bis 64-Jährigen ist von 71,1 % im Jahr 2011 auf 74,5 % im Jahr 2016 angestiegen (Zielwert 73 %), liegt aber unter den Erwerbstätigenquote von Männern. Außerdem arbeiten mehr Frauen in Teilzeit – ein Hinweis, dass in puncto Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch Handlungsbedarf besteht.
• Die Zahl der Langzeitarbeitslosen konnte von 2011 (1, 1 Millionen) bis 2016 auf 723.000 reduziert werden. Die angestrebte Reduktion von 20 % wurde somit erfüllt.
• Im Jahr 2015 waren über 1 Millionen Menschen mit schweren Behinderungen sozialversicherungspflichtig beschäftigt – ein Zuwachs von 44 % im Vgl. zu 2002. Verbesserungspotenzial besteht laut Bericht, da die Beschäftigungsaufnahme für schwerbehinderte Menschen erschwert und die Dauer ihrer Arbeitslosigkeit gegenüber nicht schwerbehinderten Arbeitslosen erhöht ist.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie:
• Die Anzahl erwerbstätiger Mütter mit kleinen Kindern ist gestiegen: 2015 waren 43 % der Mütter (jüngstes Kind zwischen 1 und < 2 Jahren) und 58 % der Mütter (jüngstes Kind zwischen 2 und 3 Jahren) erwerbstätig.
• Die Wochenarbeitszeit von Müttern hat sich erhöht, vor allem im Bereich Vollzeit/vollzeitnahe Teilzeit, die Zahl geringfügig Beschäftigter ist gesunken. Mütter die ein Betreuungsangebot für ihre Kinder nutzen sind mit höherer Wahrscheinlichkeit erwerbstätig und haben eine höhere Wochenarbeitszeit.
• Die Zahl der Leistungsempfänger unter den erwerbsfähigen Alleinerziehenden konnte von 616.000 im Jahr 2011 auf 593.000 im Jahr 2016 reduziert werden. Ein Drittel der Alleinerziehenden ist jedoch nicht erwerbsfähig.
• Immer noch sind wenige Frauen in Führungspositionen anzutreffen: 2015 waren es 29 %.
• Der Frauenanteil in Aufsichtsräten ist von 10 % (2011) auf 28,1 % (2016) gestiegen.
Bildungschancen für alle:
• Die Quote der Schulabgänger ohne Schulabschluss ist seit 2008 (7,5 %) auf 5,9 % gesunken. Ziel der „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ 2008 war es, die Quote zu halbieren.
• Die Quote bei ausländischen Schulabgängern entsprach 2015 mit 11,8 % dem Niveau in 2011.
• Die Zahl der frühen Schulabgänger betrug 2015 10,1 % (Zielwert 10 %).
• Der Betreuungsschlüssel für Unter-3-Jährige hat sich verbessert, jedoch existieren noch immer Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Im Osten betreut ein Erzieher rund 5,7 Kinder, im Westen kommen auf einen Erzieher nur 3,4 Kinder.
Qualifizierung durch Aus- und Weiterbildung:
• Die Studienanfängerquote beträgt aktuell 55,5 % und ist somit um 10 % höher als im Jahr 2010.
• Die Studienabbruchquote (knapp 30 % bei Bachelorstudierenden) ist nahezu konstant.
• Der Anteil der Frauen in den MINT-Studienfächern liegt konstant bei 30 %.
• Jeder zweite Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren nahm 2016 eine Weiterbildung wahr (Zielwert 50 %). Bei Älteren konnte die Weiterbildungsquote seit 2011 um 10 % gesteigert werden.
• Die Quote jüngerer Ungelernter ist seit 2011 rückläufig.
Integration und qualifizierte Zuwanderung:
• Die Zahl der ausländischen Beschäftigten aus den EU-Mitgliedstaaten betrug 2016 1,8 Millionen, also ein Anteil von 6 % an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Zwischen 2013 und 2016 erhöhte sich die Zahl um 582.000 (50 %).
• Die Zahl der Beschäftigten aus Drittstaaten ist im selben Zeitraum um 18 % (205.000 Personen) gestiegen.

Fazit

Aktuelle Entwicklungen wie der demografische Wandel, die Digitalisierung und Fachkräfteengpässe machen die Fachkräftesicherung in Deutschland zu einer Herausforderung. 2011 hat die Bundesregierung in ihrem Konzept zur Fachkräftesicherung 5 Sicherungspfade formuliert. Eine Bilanz zieht sie im aktuellen Fortschrittsbericht 2017.

Bildquelle:fotolia© industrieblick


prosoft-Team

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