Candidate Experience: Trendbegriff oder sinnvolles Recruiting-Instrument?

Muss die Bewerbung ein Erlebnis sein?

Candidate Experience: Schon wieder so ein Trendbegriff aus den USA? Platt übersetzt bedeutet der Begriff einfach Kandidatenerfahrung – also die Erfahrung des Bewerbers im Bewerbungsprozess. Der ein oder andere Recruiter bewertet den Trubel um die Candidate Experience als unnötigen Luxus einer Erlebnisgesellschaft: Wieso soll die Bewerbung für den Bewerber ein – möglichst angenehmes – Erlebnis sein? Andere sehen die Candidate Experience als essentiell für einen erfolgreichen Recruiting-Prozess. In Zeiten von Fachkräfteengpässen und langen Vakanzzeiten – im Schnitt 50 Tage (IAB-Kurzbericht 18/2017) – erfüllt das Recruiting eine gewisse Servicefunktion: Unternehmen müssen um gute Kandidaten buhlen. Einige gehen soweit, den Bewerber mit einem Konsumenten und den potenziellen Arbeitgeber mit einem Dienstleister zu vergleichen. Die Meinungen gehen weit auseinander. Egal auf welcher Stufe des Kontinuums man sich befinden mag, eine positive Candidate Experience bringt Vorteile mit sich.

Vorteile einer positiven CandEx

Die Verbesserung der Candidate Experience geht mit einer Optimierung des Recruiting-Prozesses einher. Recruiter betrachten die Candidate Journey – der nächste Anglizismus – aus Bewerberperspektive, um alle Berührpunkte (Touchpoints) bewerberfreundlich zu gestalten. Die Route entlang der Candidate Journey bis zur erfolgreichen Stellenbesetzung kann man sich wie einen Trichter vorstellen: An jedem Touchpoint springt ein Teil der potenziellen Bewerber ab. Je steiniger der Weg, desto höher die Absprungrate. Über 80 % der Bewerber würden sich laut Umfrage von Software Advice bei schlechter Candidate Experience wahrscheinlich nie wieder bei einem Unternehmen bewerben. Fast 100 % der Jobsuchenden würden sich wahrscheinlich wieder bei einem Unternehmen bewerben, wenn sie eine positive Candidate Experience hatten. In diesem Sinne kann sich die Candidate Experience positiv auf Personalmarketing und Recruiting auswirken. Sollte die Umfrage hinreichend repräsentativ sein, können Unternehmen die CandEx zur Verbesserung ihrer Recruiting-Erfolge nutzen. Ziel ist es, Bewerbungsabbrüche zu reduzieren und die Konversionsrate zu erhöhen. Welche Faktoren sind für eine positive Candidate Experience wichtig?

5 praktische Tipps

UX-Design: Die Nutzererfahrung während des Bewerbungsprozesses kann beeinflussen, ob ein Bewerber seine Bewerbung abschickt oder vorzeitig abbricht. Ein Nutzer, der die Karriereseite erst nach langem Suchen findet, sich für die Bewerbung einloggen und mehrseitige Online-Formulare ausfüllen muss, wird die Bewerbung eher abbrechen als bei einem intuitiven Prozess.
Mobiloptimierung: Etwa 73 % der Jobsuchenden wollen die Online-Bewerbung laut Mobile Recruiting Studie 2017 über ihr Tablet oder Smartphone abwickeln. Durch die im Zeitalter mobiler Kommunikation neugeschaffenen Freiheiten und die höhere Flexibilität entstehen neue Erwartungshaltungen: Die Bewerbung soll flexibel, schnell und ortsungebunden möglich sein. Der mobiloptimierte Bewerbungsprozess ermöglicht eine schnelle Bewerbung per mobilem Endgerät und bietet Kandidaten eine höhere Flexibilität.
Feedbackzeit: Bewerber erwarten schnelles Feedback. Je besser der Abstimmungsprozess zwischen Entscheidern organisiert ist, desto schneller ist eine Rückmeldung möglich. Kurze Abstimmungswege und schlanke Prozesse durch ein standardisiertes Bewerbermanagement können kurze Feedbackzeiten begünstigen. Mit einer Bewerbermanagement-Software können Nutzer Kandidatenprofile angelegen und die Kommunikation mit Kandidaten steuern. Je nach Funktionsumfang gibt es unterstützende Funktionen, die den Bewerbungsprozess für Personalabteilung und Bewerber erleichtern, z. B.:
Multiposting: Eine MCP-Funktion ermöglicht es, Stellenanzeigen per Mausklick in mehreren Jobportalen gleichzeitig zu streuen, um eine höhere Bewerberreichweite zu erzielen.
CV-Parsing: CV-Parser lesen Bewerbungsunterlagen aus und übertragen die Daten automatisch in die Felder der Online-Bewerbung und/oder in Bewerberprofile.
Matching: Matching-Algorithmen vergleichen Stellenanforderungen und Bewerberprofile. Einige Algorithmen ordnen die Ergebnisse nach Übereinstimmung und Gewichtung, um ein Bewerberranking zu erstellen.
Stellenanzeigen-Konfigurator: Eine entsprechende Funktion ermöglicht es, Stellenanzeigen per Mausklick zu definieren und mit einem ansprechenden Layout im eigenen CI zu versehen.
Aufgaben-Management: Ein Aufgabenplaner erleichtert die Erstellung und Zuordnung von Aufgaben an Bearbeiter. Statusbenachrichtigungen erinnern an den jeweiligen Status der Aufgabe.
Direktaktionen: Action-Buttons ermöglichen Aktionen per Mausklick, zum Beispiel das Versenden von Wartebriefen, Einladungen zum Bewerbungsinterview oder Absagen.
Was sich Entscheider von einer guten Recruiting-Software wünschen, haben wir hier thematisiert.
Stellenanzeigen: Stellenausschreibungen sollten möglichst vollständig sein: Etwa 6 von 10 Bewerber stört es, wenn Gehaltsinformationen fehlen. 58 % sind genervt von oberflächlichen Jobbeschreibungen und ein Drittel moniert fehlende Infos zum Bewerbungsprozess und zu gebotenen Benefits (Umfrage Software Advice). Eine Checkliste, welche Angaben sich Bewerber wünschen:
– Arbeitsort/Arbeitsumgebung
– Beginn der Tätigkeit
– Genaue Jobbeschreibung (konkrete Aufgaben im Arbeitsalltag)
– Erforderliche Anforderungen und Berufserfahrungen
– Unternehmen (bes. Unternehmensgröße, Unternehmenskultur)
– Benefits und Vergünstigungen
– Entwicklungsmöglichkeiten
– Gehalt/Gehaltsspanne
– Weiteres Vorgehen im Bewerbungsprozess
– Kontaktinformationen
Um die richtige Zielgruppe zu erreichen, sind relevante Keywords richtig – Stichwort HR-SEO (Candidate-Experience-Blog).
Bewerberansprache: Eine wertschätzende Bewerberansprache ist in allen Kontaktpunkten der Candidate Journey wichtig – sei es im Vorstellungsgespräch oder im Absageschreiben. Aktive und passive Kandidaten werden auf unterschiedliche Weise angesprochen.

Fazit

Ein Erlebnis muss die Bewerbung für Kandidaten sicherlich nicht sein: Schließlich bezwecken sie mit der Bewerbung einen eigenen Nutzen und müssen dafür etwas investieren. Unnötige Barrieren lassen sich dennoch im Bewerbungsprozess abbauen, um ihn für Personalabteilung und Bewerber zu erleichtern. Eine Verbesserung der Candidate Experience geht mit einer Optimierung des Recruiting-Prozesses einher: zum Beispiel, wenn Recruiter durch kürzere Feedbackzeiten die Vakanzzeit verkürzen und durch einen angenehmen Bewerbungsprozess Bewerbungsabbrüche reduzieren.

Quelle Foto: ©  Raisa Kanareva/ Fotolia


prosoft-Team

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