Bewerbungsschreiben oder nicht: Ist das Anschreiben obsolet?

Das ungeliebte Bewerbungsschreiben

Ist das Anschreiben im Bewerbungsprozess obsolet? Ein überkommenes Relikt aus den Urzeiten des Recruiting-Prozesse? Für viele HR-Verantwortliche gehört das Bewerbungsschreiben zu einer klassischen Bewerbung mit dazu: Neben Lebenslauf, Foto, Arbeits- und Ausbildungszeugnissen ist es ein fester Bestandteil der (digitale) Bewerbungsmappe. 87 % aller Personalverantwortlichen erwarten laut Bewerbungsstudie der Online-Jobbörse Indeed ein Anschreiben. Entweder gehört es zum guten Ton (24 %) oder ist eine notwendige Fleißaufgabe, mit der Bewerber Motivation zeigen (45 %). 61 % der Personaler ziehen aus dem Anschreiben Informationen zum Bewerber und 69 % beurteilen anhand des Schreibens die Ausdrucksfähigkeit der Kandidaten. Sinnlos ist es für einen Großteil der in der Studie 518 befragten Personaler also nicht. Anders sieht das ein Teil der Bewerber: Nur 66 % der über 1.000 befragten Kandidaten halten es für nützlich. Rund die Hälfte der Kandidaten empfindet das Anschreiben als nervenaufreibend. Aber warum gestaltet sich das Bewerbungsanschreiben als eine so große Hürde? Sollten Personaler jetzt im Angesicht der Anschreiben-Phobie mit einer One-Click-Bewerbung liebäugeln oder geht bei der „5-Minuten-Bewerbung“ der individuelle Schliff einer Bewerbung verloren – ähnlich wie sich der geschmackliche Charme einer 5-Minuten-Terrine nicht so richtig einstellen will?

Wann macht ein Anschreiben Sinn?

Vorausgesetzt ein Anschreiben entpuppt sich nicht als Copy-Paste-Übung, bei der nur einige Lücken (Ansprechpartner, Unternehmensname, Jobtitel) mal eben schnell ausgetauscht wurden, kann es für den Bewerbungsprozess tatsächlich von Vorteil sein: Es setzt nämlich voraus, dass sich der Bewerber mit dem potentiellen Arbeitgeber beschäftigt, sich über das Unternehmen informiert und sich darüber Gedanken macht, inwiefern seine bisherige Karrierelaufbahn zu den Stellenanforderungen passt oder eben nicht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kandidaten bewerben, die sich mit dem Unternehmen und der Tätigkeit identifizieren können. Personaler können anhand des Anschreibens herauslesen, ob der Bewerber auf unternehmens- und stellenspezifische Aspekte eingeht oder das Anschreiben einer bloßen Kopierübung entspricht. Für die spätere Bindung an das Unternehmen und das organisationale Commitment ist es ein enormer Vorteil, wenn der Bewerber schon zu Beginn des Bewerbungsprozesses feststellen kann, dass ihn das Unternehmen besonders anspricht. Das Bewerbungsschreiben ist also im Idealfall mehr als eine reine Fleißaufgabe, bei der nur die Bemühung zählt. Sollte es allein als Fleißbarometer dienen („Der Bewerber scheut keine Mühen für die Stelle“), stellt sich tatsächlich die Frage, ob es sinnvoll ist oder vielmehr eine unnötige Hürde im Bewerbungsprozess darstellt. Immerhin bricht fast die Hälfte der Bewerber einen zu langwierigen und komplizierten Prozess ab (Indeed Bewerbungsstudie). Nützlich ist das Anschreiben für einen Teil der Personaler auch, um die Ausdrucksfähigkeit des Kandidaten zu beurteilen. Das kann vor allem bei kommunikations- und textintensiven Tätigkeiten von Vorteil sei. Für andere Berufe hingegen, wo es nicht um die Ausdrucksstärke geht, ist dieses Beurteilungskriterium eher irrelevant. Worüber das Anschreiben noch Auskunft geben kann, ist die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung oder Selbstpräsentation – ein wichtiger Aspekt etwa im Vertrieb oder Sales-Bereich. Die Fähigkeit zur Selbstdarstellung sagt jedoch nicht notwendigerweise etwas über anforderungsrelevante Kompetenzen aus. Manchmal besitzen Bewerber auch eine herausragende Fähigkeit im Hoch- oder Tiefstapeln oder das Anschreiben erhält einen wenig aussagekräftigen Kompetenz-Katalog à la Teamfähigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit. Ob das Anschreiben einer realistischen Selbsteinschätzung entspricht, lässt sich meist sowieso erst im Vorstellungsgespräch beurteilen.

Sollte man das Anschreiben vielleicht einfach von vorne herein weglassen und den individuellen Eindruck auf später, sprich ein Vorab-Telefoninterview, Vorstellungsgespräch o. ä. vertagen? Wiederholt das Bewerbungsanschreiben lediglich die Angaben im Lebenslauf, wäre es vielleicht tatsächlich sinnvoll, sich auf den CV als zentrales Dokument zu beschränken. In vielen Ländern ist das sowieso Sitte, ein Anschreiben wird nicht extra mitgeschickt. Recruiter würden dadurch die Zeit sparen, die sie für das Lesen der Anschreiben aufbringen müssten. Andererseits würde das Anschreiben als mögliches Selektionsinstrument wegfallen. Der Lebenslauf müsste in diesem Fall entsprechend aussagekräftig sein. Alternativ könnte der Bewerbung anstelle eines Anschreibens auch ein Motivationsschreiben beigefügt werden.

5 Ansprüche an ein aussagekräftiges Anschreiben

Ein Bewerbungsschreiben kann für Bewerber und Recruiter sinnvoll sein – vorausgesetzt es ist aussagekräftig. 5 Ansprüche an ein aussagestarkes Anschreiben:

1. Es verdeutlicht die Motivation für die ausgeschriebene Stelle: Warum bewirbt sich der Kandidat gerade für diese Stelle und in diesem Unternehmen? Welche Berufserfahrungen und Kompetenzen bringt er dafür mit? Ein gutes Anschreiben macht deutlich, dass sich der Bewerber mit der Position und dem Unternehmen auseinandergesetzt hat und begründen kann, warum die Stelle zu ihm passt und umgekehrt.

2. Es ist kurz und prägnant: Maximal 5 Minuten investieren 40 % der Personaler laut Staufenbiel-Studie „Recruiting Trends 2017“ in den ersten Bewerbungscheck. Umso wichtiger ist es für Bewerber, ihre Motivation und Eignung für die Stelle im Bewerbungsschreiben auf den Punkt zu bringen. Wie bei einem Elevator Pitch gilt es, in kürzester Zeit zu überzeugen.

3. Es verzichtet auf 08/15-Formulierungen: Standardformulierungen, Floskeln oder ein heruntergebeteter Kompetenzkatalog haben wenig Aussagekraft. Auch hier gilt es, sich auf das Wesentliche zu beschränken und im Idealfall Originalität zu zeigen.

4. Es ist authentisch: Weder größenwahnsinnige Selbstbeweihräucherung noch übertriebene Bescheidenheit sind zielführend. Die Selbstpräsentation sollte authentisch sein. Falsche Verschönerungen führen schnell zu Ernüchterung im Bewerbungsgespräch oder fliegen spätestens nach dem Stellenantritt auf.

5. Die Formatierung stimmt: Eine übersichtliche Struktur und Formatierung hilft dabei, die Inhalte des Bewerbungsschreibens besser zu überblicken.

Fazit

Das Anschreiben stellt für viele Bewerber eine der größten Hürden im Bewerbungsprozess dar. Ob das Bewerbungsschreiben sinnvoll ist oder nicht, lässt sich am besten je nach Unternehmen und ausgeschriebener Position beurteilen. Wiederholt das Anschreiben lediglich den Inhalt im Lebenslauf, kann es sinnvoll sein, sich auf den CV als zentrales Dokument zu konzentrieren und auf das Anschreiben zu verzichten. Von Vorteil ist das Bewerbungsschreiben vor allem dann, wenn es aussagekräftig ist und die Motivation des Bewerbers für die ausgeschriebene Stelle treffend darlegt.

Quelle Foto: Fotolia © stokkete


Denny Hölscher

Denny Hölscher

Als geschäftsführender Gesellschafter der prosoft Vertriebs- und Consulting GmbH verantwortet Denny Hölscher die Bereiche Vertrieb, Marketing und Support für Deutschland und Österreich. Sein Ziel: „Zufriedene Kunden, innovatives Marketing, optimale Prozessabläufe und solide Expansion.”

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