Wie gelingt Betriebliches Gesundheitsmanagement in der Zeitarbeit?

Fehlzeiten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen

Muskel-Skelett-Erkrankungen – allen voran Rückenschmerzen – sind laut TK-Gesundheitsreport 2017 eine häufige Ursache für Fehlzeiten unter deutschen Arbeitnehmern. Fast 20 % der gesamten Fehlzeiten entfielen 2016 auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Unter den Zeitarbeitnehmern waren die in Muskel-Skelett-Erkrankungen begründeten Fehlzeiten stärker ausgeprägt als in anderen Beschäftigungsgruppen. Die gute Nachricht: Im Vergleich zum Vorjahr sind die jährlichen Fehlzeiten mit durchschnittliche 15,25 krankschreibungsbedingten Fehltagen pro Mitarbeiter um 1,2 % gesunken. Die längsten Krankschreibungen verzeichneten vor allem Erwerbstätige in der Metallerzeugung und -bearbeitung (23,7 Tage), in Verkehrs- und Lagerberufen (23, 3 Tage) und Bau-, Bauneben- und Holzberufen (21,6 Tage). Am kürzesten erkrankten mit rund 11 Fehltagen Arbeitnehmer aus verwaltungs-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Berufen sowie solche aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Die Unterschiede in Krankheitsdauer und -häufigkeit haben sicherlich mit den variierenden Anforderungen, insbesondere auch den physischen und psychischen Belastungen der einzelnen Berufsfelder zu tun. So stellen beispielsweise schwere körperliche Belastungen, ein ständiges Sitzen und Stehen oder psychosoziale Aspekte Risikofaktoren für Rückenerkrankungen dar. Jeder Beruf bringt seine eigenen Herausforderungen und Risiken mit sich, die sich auf die Anzahl und Dauer der Fehlzeiten auswirken können. So ließe sich auch erklären, dass die Fehlzeiten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen unter Zeitarbeitnehmern 2016 vergleichsweise stark ausgeprägt waren: Viele Leiharbeitnehmer arbeiten im Helferbereich in körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Die Tätigkeitsform der Zeitarbeit sei, so kritisierte der BAP schon einen vergangenen TK-Report, nicht maßgeblich, sondern das Einsatzgebiet. Zudem seien in dem Report nur TK-versicherte Arbeitnehmer, d. h. nicht die Gesamtheit der Versicherten berücksichtigt worden, was die Repräsentativität der Angaben in Frage stelle. Krankheitsrisiken, Fehlzeiten und Arbeitsunfälle gilt es in allen Berufsfeldern zu vermeiden. Zum einen natürlich, um das Wohl der Arbeitnehmer zu schützen, deren Gesundheit und Motivation zu fördern. Zum anderen, um die hohen Kosten häufiger und langer Fehlzeiten zu reduzieren und bessere Arbeitsergebnisse zu ermöglichen. Man muss kein Experte in Sachen Fehlzeitencontrolling sein, um zu wissen, dass Fehltage Kosten verursachen – nicht nur bedingt durch die Entgeltfortzahlungen im Krankheitsfall, sondern auch durch mögliche Produktivitätseinbußen oder teuren Ersatz für Arbeitsausfälle. Nicht besser ist es, wenn Mitarbeiter krank zur Arbeit erscheinen (Präsentismus): Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sind bei erkrankten Mitarbeitern häufig eingeschränkt, was die Fehlerwahrscheinlichkeit erhöhen kann. Im Falle ansteckender Erkrankungen besteht das Risiko, dass auch der Rest der Belegschaft erkrankt. Der Mitarbeiter selbst nimmt das Risiko in Kauf, dass er die Krankheit verschleppt und dauerhaft krankgeschrieben werden muss. Allein das Ziel, Fehlzeiten zu minimieren, reicht daher nicht aus. Es sollte Hand in Hand gehen mit der Reduktion von Krankheiten, Krankheitsrisiken und Arbeitsunfällen und der aktiven Förderung von Gesundheit. Speziell für die Zeitarbeitsbranche wurden im Projekt GEZA („Zeitarbeit – neue Herausforderungen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz“) unter Förderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales Empfehlungen zur erfolgreichen Umsetzung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements ausgearbeitet.

9 Empfehlungen für ein BGM in der Zeitarbeit

Ein Betriebliches Gesundheitsmanagement konzentriert sich vor allem auf zwei Elemente:
• die Förderung des persönlichen Gesundheitsverhaltens von Mitarbeitern
• die Förderung gesundheitsgerechter Rahmen- und Arbeitsbedingungen im Betrieb
Um ein BGM zu konzipieren, das zum Unternehmen passt und tatsächlich vorhandenen Risiken, Belastungs- und Erkrankungsschwerpunkten entgegenwirkt, sollten zunächst relevante Daten gesammelt und ausgewertet werden, z. B. auf Basis von Mitarbeiterbefragungen, Betriebsbegehungen und Krankenstandsanalysen. Das Besondere an der Zeitarbeitsbranche ist das Dreipersonenverhältnis zwischen Personaldienstleister/Zeitarbeitsunternehmen, Einsatzunternehmen und Leiharbeitnehmer. Die erfolgreiche Durchführung des BGM ist von der Kooperation mit dem Kundenunternehmen abhängig, zu der im GEZA Modellprojekt viele Kunden bereit waren. Insgesamt werden in dem Programm 9 Umsetzungsempfehlungen für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement in der Zeitarbeit aufgezeigt:
1. Mitarbeiter sensibilisieren: Mitarbeiter müssen über das Thema BGM, dessen Einführung und Nutzen informiert werden. Wichtig ist, dass das Betriebliche Gesundheitsmanagement auf Akzeptant stößt und Mitarbeiter entsprechend motiviert sind, ihr Gesundheitsverhalten zu verbessern. Die drei tragenden Säulen in diesem Schritt sind daher:
– Information
– Akzeptanz
– Motivation
2. Inhalte Planen: Die Planung der Aktivitäten und Inhalte des BGM umfasst drei Phasen:
Bedarfserkennung: Die Analyse der Gesundheitssituation der Beschäftigten und der Gesundheits- und Belastungssituationen im Betrieb bilden den Ausgangspunkt für die Erkennung von Bedarfen und die Priorisierung von Aktivitäten. Führungskräfte können in diesem Schritt nach den spezifischen Belastungen und möglichem Veränderungsbedarf befragt werden. Auch eine Bestandsaufnahme bereits vorhandener BGM-Bausteine wird empfohlen, um diese in der Unternehmensorganisation zu verankern – z. B. das Führen von Gesundheits- und Krankheitsstatistiken.
Zielformulierung: Zur Festlegung der Ziele unter Beteiligung von Management und Beschäftigtenvertretung schlägt das Programm einen moderierten Workshop vor. Die Ziele sollten realistisch und für spätere Erfolgskontrollen überprüfbar sein, Mitarbeiter sollten über die Ziele informiert werden.
Maßnahmenplanung: Bedarfserkennung und Zielformulierung bilden die Ausgangsbasis für die Maßnahmenplanung. Um das BGM langfristig anzulegen, wird empfohlen, dass die Maßnahmen in ein Gesamtkonzept eingebettet werden. Die Ziele des BGM sollen in den Unternehmenszielen und das Thema Gesundheit im Unternehmensleitbild aufgenommen werden.
3. Mittel- und Ressourcenplanung: Für die Durchführung der Maßnahmen und die nachhaltige Umsetzung des BGM sind finanzielle und organisatorische Ressourcen erforderlich. Die Gesamtkosten umfassen beispielsweise die Kosten für die Maßnahmen, ggf. für Freistellungen von Mitarbeitern und die laufenden Betriebskosten. Die Ressourcen und finanzierbaren Ausgaben müssen festgelegt, bereitgestellt und verwaltet werden – empfohlen wird dabei, lieber einen kleineren Betrag für einen längeren Zeitraum festzusetzen als Ressourcen direkt mit einer kostenintensiven Investition zu verbrauchen. Auch personelle Ressourcen und Verantwortlichkeiten sind zu klären.
4. Zusammenarbeit mit dem Kundenunternehmen: Das Zeitarbeitsunternehmen hat keinen direkten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen im Kundenunternehmen. Daher muss mit Blick auf das BGM eine enge Zusammenarbeit erfolgen. Der Personaldienstleister informiert das Kundenunternehmen über die Maßnahmen (z. B. zum Umgang mit festgestellten Belastungen), die Ziele und insbesondere den Nutzen des BGM. Dazu kann beispielsweise ein Workshop stattfinden, in dem Ansprechpartner, Kommunikationskanäle, Aufgaben und Rollen abgeklärt werden. Es wird empfohlen eine Kooperationsvereinbarung mit dem Kunden zu erarbeiten.
5. Begleitung des Zeitarbeitnehmers: Ein zentrales Element des BGM ist das Gesundheitsgespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeiter: Darin wird eine Bestandsaufnahme getätigt, um auf Basis des ermittelten Veränderungsbedarfs überprüfbare Vereinbarungen/Zielsetzungen zu treffen. In der Zeitarbeit stehen Personaldienstleister vor der besonderen Situation, die Veränderungen am Arbeitsplatz nur in Kooperation mit dem Kunden durchführen zu können. Neben Veränderungen am Einsatzort sind weitere Interventionen wie die Vermittlung an Netzwerke (z. B. Suchtberatung), Präventionsangebote oder Trainings zur Problemansprache am Einsatzort (proaktives Verhalten) denkbar.
6. Vorbereitung der Mitarbeiter auf die Führung von Gesundheitsgesprächen: Zur Führung von Gesundheitsgesprächen sind bestimmte Kompetenzen wichtig (z. B. Gesprächsverhalten, Fragetechniken, Kenntnis von Maßnahmen und Aktionen, Schaffung einer Vertrauensatmosphäre…). Diese können im Rahmen von Präsenzseminaren, E-Learning-gestützten Trainings oder durch internen Kompetenztransfer eingeübt werden.
7. Nutzung von Unfallzahlen für das BGM: Ein Unfallmonitoring kann als Grundlage für konkrete Maßnahmen zur Unfall-/Risikoreduktion dienen. Dazu werden relevante Informationen zum Unfallgeschehen gesammelt und analysiert. Meist erfolgt das Unfallmonitoring EDV-gestützt.
8. Das BGM zusammen mit dem Kundenunternehmen gestalten: Zeitarbeits- und Kundenunternehmen können gemeinsam Vorgehensweisen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz entwickeln. Dazu sind zunächst gemeinsame Zielsetzungen zu definieren und die Bedarfe und Erwartungen in eine gemeinsame Strategie zu überführen. Eine wichtige Grundlage sind Analysen der betrieblichen Rahmenbedingungen, Strukturen und Prozesse sowie der spezifischen Belastungsschwerpunkte im Betrieb (z. B. Schichtarbeit).
9. Controlling: Bereits zu Beginn der Maßnahmen sollte über mögliche Controllinginstrumente und Kennzahlen nachgedacht werden, mit denen sich die Wirksamkeit des BGM überprüfen lässt. Die Bewertung ist dabei abhängig von den Zielsetzungen (z. B. Reduzierung des Krankenstands, höhere Mitarbeiterbindung). Meist lässt sich die Entwicklung der Zielgröße erst nach längerer Zeit beurteilen. Wichtige Aspekte sind daher auch, ob die Prozesse nach Plan verlaufen sind oder wie Führungskräfte und Mitarbeiter diese bewerten.

Fazit

Die Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements kann mit vielerlei Zielsetzungen verbunden sein, z. B. der Reduktion des Krankenstands, einer Verbesserung der Arbeitszufriedenheit und Mitarbeiterbindung oder einer Verminderung des Unfallrisikos. Es setzt dabei sowohl auf Verhaltensebene der Mitarbeiter als auch bei den betrieblichen Arbeitsbedingungen an, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern und zu schützen sowie teure Fehlzeiten und Leistungseinbußen im Unternehmen zu verringern. In der Zeitarbeit ist der Erfolg des BGM zum großen Teil von der Kooperation zwischen Personaldienstleister und Kundenunternehmen abhängig, insbesondere wenn es darum geht, Arbeitsbedingungen am Einsatzort zu verbessern. Dies kann gelingen, wenn beide Seite gemeinsame Ziele und eine Strategie definieren, die die spezifischen betrieblichen Belastungsschwerpunkte und Bedarfe in den Blick nimmt.

Quelle Foto: Fotolia © Gino Santa Maria


prosoft-Team

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